Noch ist Red Dead Redemption nicht da (Betonung liegt auf “noch”), also schlagen wir weiterhin Zeit tot und gewisse Klassiker können dabei helfen. Die Frage ist: Gilt Princess Maker wirklich als Klassiker? Die wenigsten Leute haben es gespielt oder wissen überhaupt um die Existenz dieses einzigartigen Titels. Eine Misstand, den wir sogleich aus der Welt räumen wollen.
Im ersten Moment könnte man Princess Maker 2 (1993) mit einer Dating Sim verwechseln – und in gewisser Weise ist es auch eine, nur, daß man eben keine junge Frau zu verführen versucht, sondern eine Tochter großzieht. Diese ist dem Spieler, der den legendären Helden einer feudalen Stadt verkörpert, als göttliches Geschenk hinterlassen worden. Man betreut sie nun im Alter von 10 bis 18 Jahren. Wie ein Tamagochi will sie gefüttert und den Jahreszeiten entsprechend angezogen werden, sie kann auch krank werden und hat bestimmte Vorlieben.
Hier beginnt der Spaß allerdings erst, denn natürlich kostet der Unterhalt der potentiellen Prinzessin entsprechend Penunze. Um Geld zu verdienen, schickt man das Mädchen arbeiten, was auch gleichzeitig ihre Fähigkeiten schult: In einem Restaurant auszuhelfen lehrt sie die Kochkunst, Babysitten trainiert ihr Einfühlungsvermögen und harte Arbeit auf der Farm oder beim Holzhacken fördert körperliche Aspekte wie Stärke und Ausdauer. Dementsprechend entwickelt sich die junge Dame und bringt gleichzeitig etwas Zaster in die Kasse. Zwischendurch sollte man ihr Pausen gönnen und/oder Taschengeld geben, damit sie vor Stress nicht zusammenbricht oder wegläuft, was bedeutet, daß man nichts tun kann, bis sie wiederkommt.
Mit dem Geld kann man sie neu einkleiden (zum Beispiel, um sie in der High Society/am königlichen Hof zu etablieren, was aber Charme und Konversationsvermögen vorraussetzt) oder, der andere wichtige Aspekt ihrer Entwicklung, man schickt sie zur Schule. Je nachdem, wie sie geartet ist oder wie sie sich durch die Arbeit entwickelt hat, eignen sich verschiedene Fächer unterschiedlich gut, ihren Werdegang zu fördern: Eher intellektuelle Fächer wie Wissenschaft, Strategie oder Theologie lassen ihre Intelligenz steigen und formen ihr Weltbild, in Kampfschulen lernt sie, ein Schwert zu schwingen und einem Feind auszuweichen und künstlerische Klassen wie Tanz, Malerei oder Poesie schulen Sensitivität, Kunstverständnis oder ihre Manieren. Außerdem kann sie in der örtlichen arkanen Schule das Zaubern lernen, was ebenfalls im Kampf einsetzbar ist. Tut sie sich in einem dieser Bereiche besonders hervor, kann es auch passieren, daß sie von einem Rivalen zu Kampf-, Koch- oder Putzduellen herausgefordert wird oder daß ihr eine Gottheit erscheint, die ihren Fleiß belohnt. Überhaupt, an Zufallsevents und plötzlichen Ereignissen mangelt es dem Spiel nicht.
Das Mädchen wird natürlich älter und verändert sich, was u.A. neue Jobmöglichkeiten für sie freischaltet. Je nachdem, was sie gut kann, hat man verschiedene Möglichkeiten, sie einzusetzen. Hat man sich eine Kampfamazone oder eine mächtige Magierin herangezogen, kann man sie auf kleine Abenteuer schicken, in denen man sie selbst steuert, die Welt erforscht, Schätze sammelt und Random Encounters übersteht. Ist sie eher künstlerisch begabt oder eine gute Hausfrau, kann sie bei jährlichen Wettbewerben große Geld- und Sachpreise abstauben und wenn sie eine echte Lady ist, kann ihre Beziehungen am Hof verbessern. All das läuft darauf hinaus, daß sie mit 18 Jahren flügge wird und das Haus verlässt, ihr Training und ihre Aktivitäten bestimmen dann also, wie ihre Zukunft aussieht. Insgesamt hat das Spiel unglaubliche 74 Enden, die sich alle komplett unterscheiden und jeweils nicht einfach nur präsentiert, sondern erzählt und erläutert werden. Wird die junge Dame eine Räuberin, eine Bischöfin, eine Prostituierte, eine einfache Hausfrau oder sogar die adoptierte Thronerbin (das schwerste Ende, daher der Name des Spiels) – eure Entscheidungen machen den Unterschied. Sogar ihr Geburtstag bzw. ihr Sternzeichen hat einen Einfluss darauf.
Princess Maker 2 wurde nie offiziell im Westen und auf Englisch veröffentlicht, es stromert allerdings eine englische Version durch’s Netz. In Japan ist die Reihe nach wie vor sehr erfolgreich, der fünfte Teil erschien 2007. Diese Reihe ist jedoch wirklich erfrischend und wohl durchdacht, jeder Spieldurchgang eignet sich, mehrere Stunden aus dem Fenster zu schmeißen, das Artdesign ist ergreifend niedlich (so werden z.B. die Jobs und Schulbesuche mit kleinen Animationen untermalt, die zeigen, wie gut sich eure Tochter schlägt) und es passieren genug unvorhersehbare Dinge, um den Spieler die ganze Zeit bei Laune zu halten. Zudem ist es jedesmal eine wirklich unterschiedliche Erfahrung, wenn sich das Mädchen anders entwickelt, Princess Maker 2 hat also einen wirklich hohen Wiederspielwert. Guckt es euch dringend an, wenn ihr es nicht schon kennt.
